Wunder – alltägliche Erscheinungen
In letzter Zeit erreichte mich öfter die Frage, ob ich glaube, dass in unserer wissenschaftlichen Zeit noch Wunder geschehen. Wenn ich diese Frage dann bejahe, erstaunt das Gegenüber regelmäßig sehr, da ich für wissenschaftlich und rational gehalten werde.
Wenn im Duden im Synonymwörterbuch nach „Wunder“ gesucht wird, zeigen sich folgende Worte, die als sinnverwandt angesehen werden: Ausnahmeerscheinung, Geheimnis, Hexenwerk, Hexerei, Magie, Merkwürdigkeit, Rätsel, übernatürliche Erscheinung, wunderbare Begebenheit, Wundererscheinung, Zauberei, Zeichen; (geh.): Mirakel; (bildungsspr.): Mysterium, Phänomen.
Das Wiktionary der Wikipedia weiß zu berichten, dass ein Wunder etwas ist, das „über das alltägliche Verständnis hinausgeht; eine Überschreitung der anerkannten Naturgesetze“ darstellt.
Das Wunder wird demzufolge als Ausnahmeerscheinung im Sinne einer übernatürlichen Erscheinung betrachtet, die Naturgesetze außer Kraft treten lässt. Doch wird dies dem Wunder tatsächlich gerecht? Wunder erscheinen in der Tat als übernatürlich, übersinnlich und transzendent. Doch dies entspringt unserer Wahrnehmung und ist keine Eigenschaft des Wunders an sich. Nichts in der Welt kann übernatürlich sein.
Doch was hat es dann mit den Wundern auf sich? Dieser Frage soll hier nachgegangen werden.
Am einfachsten drückt es der deutsche Schriftsteller und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing aus, indem er zu verstehen gibt:
“Der Wunder Höchstes ist, dass uns die wahren,
echten Wunder so alltäglich werden können.”
Wunder sind alltägliche Erscheinungen, die jeder in seinem Leben erlebt – sei es persönlich, innerhalb der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis. Jeder Mensch wird am Ende seines Lebens auf eine Vielzahl Wunder zurückblicken können, derer er zuteilwurde.
Wissenschaftler untersuchen die sogenannten Wunder und kommen zur Erkenntnis, dass es sich nicht um Wunder sondern um rational erklärbare Phänomene handelt. Und abermals wird das Wunder auf die Tatsache begrenzt, dass es Naturgesetzen zuwider sein müsse.
Das Kind, welches über zwanzig Minuten im eisigen See unter Wasser lag und reanimiert werden konnte, wäre in vergangenen Zeiten ein Wunder gewesen. Heute erklären uns Mediziner, dass aufgrund der geringen Wassertemperatur der Stoffwechsel soweit zurückgesetzt wurde, dass das Kind die lange Zeit ohne Sauerstoffzufuhr ohne bleibende Schäden überleben konnte.
Ein zweijähriges Kind fällt aus dem fünften Stock fünfzehn Meter in die Tiefe und kann dank der Leistung der modernen Medizin ohne Folgeschäden überleben. Kein Wunder sondern menschliche Leistung.
Die junge Stute Angel, die von einem Pitbull angegriffen wird und ausschlug und die Reiterin Kristen zum Abspringen zwang. Pferde sind Fluchttiere und so entschwand Angel. Die Mutter des Mädchens stieg von ihrem Pferd Sunny Boy herab und dieses wollte ebenfalls entfliehen. Doch als Sunny Boy erkannte, dass Kristen vom Pitbull angegriffen wurde, sprang er mit einem Satz vor das Mädchen und stellte sich damit zwischen Kristen und dem angreifenden Pitbull.
Eindrucksvolle Begebenheiten. Sie klingen nach Wundern, die jedoch für viele Menschen keine Wunder mehr sind, weil sie naturwissenschaftlich erklärt werden können. Und Wunder sollen ja per Definition übernatürlich erscheinen.
Lasst uns einfach mehrere Kinder in eisige Seen untertauchen. Zweijährige reihenweise über Balkone stoßen. Wunder sind auf keinen Fall Naturgesetze außer Kraft setzend, Hexerei oder übernatürlich. Sie gehören zu unserer Welt, sind Bestandteil der Natur und damit auch weltlichen und natürlichen Gesetzen unterworfen; wie alles andere auch.
Doch sie sind per se etwas Besonderes, das Aufmerksamkeit erregt und zur Dankbarkeit anregt.
Im Lärm des Lebens, im Trubel des Alltags, im hektischen Einerlei werden die Wunder heutzutage lediglich kaum noch wahrgenommen. Wir sollten unsere Sinne schärfen, um die alltäglichen Wunder wahrzunehmen. Denn diese Übung öffnet das Herz.
Unser Leben ist durchdrungen von vielen kleinen Besonderheiten, die uns vor Unheil bewahren, uns hilfreich zur Seite stehen oder einfach eine Richtung aufzeigen. Wenn wir diese Zeichen erkennen und nutzen, ergeben sich daraus viele Erfahrungen, die wir als positive einzustufen vermögen – kleinere und größere Wunder.
Jetzt aktuell im Winter sah ich einen Mann, der am Bürgersteig ausrutschte und so einem schlitternden Auto entkam. Er fluchte jedoch unentwegt über sein Missgeschick drein und erkannte nicht, welch Glück ihm widerfuhr.
Jeder erlebt in seinem Leben sogenannte Wunder. Nur, weil wir heute aufgrund unserer Kenntnisse erkennen, dass diese Begebenheiten nicht über den Naturgesetzen stehen, kommen sie dennoch plötzlich und lassen sich nicht ohne Weiteres nach belieben reproduzieren.
„Kein Wunder ohne Naturbegebenheit und umgekehrt”, erkannte Novalis.
Vielleicht sollten wir das antiquierte und ungenügend interpretierte Wort „Wunder“ einfach mit “Ungewöhnlichkeit“ oder „Extraordinär“ ersetzen. Doch eines bleibt unanfechtbar: Ungewöhnlichkeiten, Extraordinäres oder eben Wunder sind alltägliche Geschehen.
Welche Wunder erlebten Sie persönlich? Was für Ungewöhnlichkeiten beeinflussten Ihr Leben? Was sind die kleinen Wunder, derer sie Zeuge wurden? Über Ihre Erfahrungen würde ich mich sehr freuen. Senden Sie doch einfach eine E-Mail mit Ihren Erfahrungen an mich: mail@stefu.info



